Nr. 18 - 2012 - Ruhet in Frieden

von Stefan Loretan

Band 2 - Geschichte des Gliser Friedhofs

Titelblatt Band 2

«Der Tod ist der mächtigste Agent des Vergessens. Doch ist er nicht allmächtig. Denn gegen das Vergessen im Tode haben die Menschen seit eh und je Wälle der Erinnerung aufgerichtet, so dass Spuren, die auf ein Totengedächtnis schliessen lassen, als die sichersten Anzeichen für das Vorhandensein einer menschlichen Kultur gelten.»1
Daher präsentieren sich Friedhöfe, Grab- und Denkmäler als zentrale Schauplätze von Erinnerung und Gedächtnis. Sie bilden jene Gedächtnisorte, in denen Vergangenheit «vergegenwärtigt» wird, an denen Trauer und Gedächtnis ihren Zeiten überdauernden Ort zu finden schienen.2  Aber dieser Schein trügt. Heute wirken die manchmal jahrhundertealten Grabsteine merkwürdig altmodisch in einer Gesellschaft, die immer mehr auf Eile und
auf die Zerstörung von Andenken setzt. Die förmlichen, Postfächern ähnelnden Urnenwände bilden keine Orte individueller Erinnerung mehr. Der Sozialhistoriker Eric J. Hobsbawm schrieb: «Die Zerstörung der Vergangenheit, oder vielmehr jenes sozialen Mechanismus, der die Gegenwartserfahrung mit derjenigen früherer Generationen verknüpft, ist eines der charakteristischsten und unheimlichsten Phänomene des späten 20. Jahrhunderts. »3
Grabdenkmäler früherer Zeiten drohen zu verfallen. Sie zeigen sich mittlerweile als Ruinen und werden beiseite geräumt – oder musealisiert. Noch aber
finden wir auf alten Friedhöfen, Grabmälern und in Beinhäusern einen gleichsam vergegenständlichten, die Generationen überdauernden Ausdruck des Umgangs mit dem Tod. Vielleicht ist es gerade die drohende Verflüchtigung der Gedächtniskultur, die dem Gliser Friedhof zu Beginn des 21. Jahrhunderts seine Faszination verleiht. Auf dem Friedhof in Glis werden, manchmal auf engstem Raum, die gesellschaftlichen und kulturellen Einflüsse unterschiedlicher Zeiten sichtbar.
Mit dem nun vorliegenden, umfangreichen zweiten Band zur Geschichte des Gliser Friedhofs versucht Dr. Stefan Loretan der «Zerstörung der Vergangenheit» entgegenzutreten und liefert uns dabei ein eindrückliches Zeitzeugnis aus über einem Jahrhundert Leben und Sterben in Brig-Glis.

Begräbnisstätten sind eine Art Sozialgeschichte und auch Sozialkommentar. Als Gemeinschaft der Toten ist der Gliser Friedhof ein Spiegel der Gesellschaft. Stefan Loretan schuf mit äusserst viel Fleiss und grosser Begeisterung nicht nur eine interessante historische Untersuchung von dokumentarischem Wert, just zu einem Zeitpunkt, an dem gerade auch der Ort der letzten Ruhe der Veränderung zum Opfer fällt, sondern gibt sich auch als intimer Kenner des Brig-Gliser Alltags zu erkennen, der mit feinem Gespür Geschichten und Mentalität einer ganzen Generation intensiv und facettenreich zu erzählen weiss.
Vieles, was Stefan Loretan in der Darstellung eines beeindruckend breiten Materials, das aus zahlreichen Archiven, Sammlungen und in Gesprächen gewonnen wurde, über das Leben und den Tod von auf dem Gliser Friedhof ruhenden Persönlichkeiten darlegt, ist der heutigen Generation fremd. Deshalb ist diese Publikation kulturhistorisch und sozialgeschichtlich äusserst wertvoll.
Stefan Loretan versucht mit der Macht seiner Feder, das Totengedenken zu seiner Sache zu machen und schuf um das immer vom Vergessen bedrohte
Gedenken der Toten die Geschichte des Gliser Friedhofs, eine neue, andere Form des Gedächtnisses über das Grab hinaus. Dafür gebührt ihm der aufrichtig und zutiefst empfundene Dank der Pro Historia Glis.
Publikationen wie diese entstehen nicht nur auf der Grundlage von guten Ideen und intensiven Recherchen, sondern benötigen auch eine materielle
Absicherung. Die Pro Historia Glis dankt allen, die dieses Werk finanziell unterstützt haben.
Der Verein Pro Historia freut sich, Ihnen die bisher umfangreichste Publikation – Nummer 18 – zu überreichen, in der Stefan Loretan dem Grundsatz unseres Vereins, die Geschichte von Glis bekannt zu machen und diese der Nachwelt zu erhalten, vollumfänglich gerecht wird.
Verein Pro Historia Glis
Matthias Schmidhalter, Verantwortlicher Schriftenreihe

1 Harald Weinrich, Lethe. Kunst und Kritik des Vergessens, München 2005, S. 40.
2 Nach Norbert Fischer, Friedhof, Grabmal und Denkmal als Gedächtnisorte.
http://www.n-fischer.de/friedhof_gedaechtnis.html (abgerufen am 19. März 2012)
3 Eric J. Hobsbawm, Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, München 31999, S. 17.

 

Schriftenreihe Pro Historia Glis, Publikation Nr. 18, 2012
Herausgeber: Pro Historia Glis
Gestaltung und Satz: s+z:gutzumdruck., Brig-Glis
Druck: Valmedia, Visp
ISBN 978-3-9523795-1-6
© Pro Historia Glis, 2012

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